Ganz nah dran an den Geisterteilchen

gerda

Um die Vermutung zu belegen, dass Materie ohne Antimaterie erzeugt werden kann, sucht das GERDA-Experiment nach dem neutrinolosen doppelten Betazerfall.

Das Standardmodell der Teilchenphysik ist seit seinen Anfängen nahezu unverändert gültig.Widersprüche zwischen Theorie und Experiment haben sich bislang nur bei Neutrinos gezeigt.Die Neutrino-Oszillation war dabei die erste Beobachtung, die nicht mit den Vorhersagen übereinstimmte. Sie beweist, dass Neutrinos im Widerspruch zum Standardmodell eine Masse ungleich Null haben. 2015 wurde diese Entdeckung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Sind Neutrinos ihre eigenen Antiteilchen?

Hinzu kommt die Vermutung, dass Neutrinos so genannte Majorana-Teilchen sind: Anders als alle anderen Bausteine der Materie könnten sie ihre eigenen Antiteilchen sein. Dies würde auch eine Erklärüng dafür liefern, warum es im Universum so viel mehr Materie als Antimaterie gibt.

Zur Überprüfung der Majorana-Vermutung sucht die GERDA-Kollaboration nach dem bisher nicht beobachteten neutrinolosen doppelten Betazerfall im Germanium-Isotop 76Ge: Dabei wandeln sich zwei Neutronen in einem 76Ge-Kern gleichzeitig in zwei Protonen um, wobei zwei Elektronen emittiert werden. Dieser Zerfall ist im  Standardmodell verboten, da die beiden Antineutrinos – die ausgleichende Antimaterie – fehlen.

GERDA Experiment verfügt über die höchste Empfindlichkeit

GERDA ist das erste Experiment auf dem Gebiet, das den störenden Untergrund soweit reduzieren konnte, dass der gesuchte neutrinolose doppelte Betazerfall, sofern er existiert, eine Halbwertszeit von mindestens 1026 Jahren haben muss, das ist das 10'000'000'000'000'000-fache des Alters des Universums.

Die Physiker wissen, dass Neutrinos mindestens hunderttausendmal mal leichter sind als Elektronen, die nächstschwereren Teilchen. Welche Masse sie genau haben, ist allerdings noch unbekannt und ein weiteres wichtiges Forschungsthema.

Interessanterweise korrespondiert die Halbwertszeit des neutrinolosen doppelten
Betazerfalls mit einer speziellen Variante der Neutrino-Masse, der Majorana-Masse.
Kombiniert man das neue GERDA-Ergebnis mit denjenigen anderer Doppel-Beta-
Zerfallsexperimente, so muss diese Masse sogar mindestens eine Million mal kleiner sein als die des Elektrons. Physikalisch ausgedrückt läge die Masse bei unter 0,07– 0,16 eV/c2 (1).

Keine Widersprüche mit anderen Experimenten

Auch andere Experimente grenzen Neutrino-Massen ein: Die jüngste Analyse der Planck-Mission kommt für die Summe der Massen der drei Neutrino-Arten auf unter 0,12 – 0,66 eV/c2. Das Tritiumzerfallsexperiment KATRIN am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wird in den kommenden Jahren die Masse des Elektron-Neutrinos mit einer Empfindlichkeit von ca. 0,2 eV/c2 bestimmen. Die Werte können zwar nicht direkt verglichen werden, sie erlauben es aber, die unterschiedlichen Modelle zu überprüfen. Bislang gibt es keine Widersprüche.

Von GERDA zu LEGEND

Die nun vorgestellten Beobachtungen wurden mit einer Detektormasse von 35,6 kg 76Ge gemacht. Eine neue internationale Zusammenarbeit unter dem Namen LEGEND wird nun die Detektormasse bis 2021 auf 200 kg 76Ge erhöhen und die Störungen so weit reduzieren, dass nach fünf Jahren eine Empfindlichkeit von 1027 Jahren erreicht ist.


Publikation:
The GERDA collaboration: Probing Majorana neutrinos with double beta decay, Science 2019, online published on Thursday 5 September, 2019 DOI: 10.1126/science/xxxx

 

Mehr Informationen
GERDA ist eine internationale europäische Kooperation von mehr als 100 Physikern aus Belgien, Deutschland, Italien, Russland, Polen und der Schweiz. 


(1) Massen werden in der Teilchenphysik statt in Kilogramm entsprechend der Einsteinschen Gleichung E=m*c2 in Elektronenvolt [eV] (als Einheit für die Energie)/Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat angegeben, da der Zahlenwert sonst unvorstellbar klein würde: 1 eV/c2 entspricht 1,8 x 10-37 Kilogramm.

 

Kontakt:
Technische Universität Dresden
Prof. Dr. Kai Zuber
Tel.: +49 351 463 42250
E-Mail: zuber@physik.tu-dresden.de

Max-Planck-Institute für Kernphysik, Heidelberg
Prof. Dr. Werner Hoffmann
Tel.: +49 6221 516 330
E-Mail: Werner.Hofmann@mpi-hd.mpg.de
Prof. Dr. Manfred Lindner
Tel.: +49 6221 516 800
E-Mail: lindner@mpi-hd.mpg.de

Max-Planck-Institut für Physik, München
Prof. Dr. Allen Caldwell
Tel.: +49 89 323 54207
E-Mail: caldwell@mpp.mpg.de

Technische Universität München
Prof. Dr. Stefan Schönert
Tel.: +49 89 289 12511
E-Mail: schoenert@ph.tum.de

Universität Tübingen
Prof. Dr. Josef Jochum
Tel.: +49 7071 297 4453
E-Mail: Josef.Jochum@uni-tuebingen.de

Universität Zürich
Prof. Dr. Laura Baudis
Tel.: +41 44 635 5777
E-Mail: lbaudis@physik.uzh.ch
 

Zur Verfügung gestellt - Prof. Laura Baudis

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